Die ambulante medizinische Versorgung in Niedersachsen steht vor messbaren Veränderungen. Aktuelle Statistiken belegen einen klaren Trend. Ärztliche Hausbesuche nehmen deutlich ab. Gleichzeitig steigt der Bedarf bei bestimmten Patientengruppen. Die Zahlen zeigen eine wachsende Lücke zwischen Nachfrage und verfügbarer Leistung, ähnlich wie bei strukturellen Problemen im Gesundheitsbereich und bei Investitionen in Krankenhäusern.
Inhaltsverzeichnis
- Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen
- Tim Fischer und Ursachen
- Vergütungsstruktur im Überblick
- Detlef Haffke und Versorgungslücken
- Andreas Philippi und demografische Daten
- Maßnahmen des Landes Niedersachsen
- Telemedizin unter 116 117
- Hanno Kummer und Krankenkassen
Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen
Die Zahl der ärztlichen Hausbesuche ist in Niedersachsen innerhalb von zehn Jahren um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Das geht aus aktuellen Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen hervor, die dem Norddeutschen Rundfunk exklusiv vorliegen. Im Jahr 2015 führten Ärzte rund 3,4 Millionen Hausbesuche durch. Im Jahr 2025 lag die Zahl nur noch bei etwa 2,7 Millionen.
Parallel dazu steigt der medizinische Bedarf. Der niedersächsische Hausärzteverband verweist auf eine wachsende Zahl von Patienten, die hochbetagt, schwer krank oder nicht mehr mobil sind. Diese Patientengruppe ist besonders auf ärztliche Besuche zu Hause angewiesen, vor allem im ländlichen Raum, wo sich Versorgungsprobleme ähnlich zeigen wie beim Wohnungsmangel im Landkreis Lüneburg.
Tim Fischer und Ursachen
Der Sprecher des Hausärzteverbandes, Tim Fischer, sieht klare Gründe für den Rückgang. Er nennt die „unzureichende Vergütung“ als „zentrale Ursache“ für die sinkende Bereitschaft zu Hausbesuchen. Nach seinen Angaben stehe der zeitliche Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zur Bezahlung.
Ein Hausbesuch wird aktuell mit rund 27 Euro vergütet. Hinzu kommt eine Fahrtkostenpauschale von maximal 10,25 Euro. Diese Beträge decken nach Einschätzung des Verbandes weder Arbeitszeit noch Wegezeiten ausreichend ab. Fischer verweist dabei auf alltägliche Vergleichskosten aus anderen Dienstleistungsbereichen.
Vergütungsstruktur im Überblick
- Pauschale für den Hausbesuch: ca. 27 Euro
- Maximale Fahrtkostenpauschale: 10,25 Euro
- Keine zusätzliche Vergütung für längere Wege
- Keine gesonderte Honorierung für komplexe Pflegefälle
Nach Einschätzung des Hausärzteverbandes reicht dieses Modell nicht aus, um Hausbesuche langfristig zu sichern. Besonders in ländlichen Regionen entstehe dadurch ein zusätzlicher Versorgungsdruck.
Detlef Haffke und Versorgungslücken
Auch Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen bestätigt die angespannte Lage. Er verweist auf laufende Gespräche auf Bundesebene. Daran beteiligt sind die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Gesamtverband der Gesetzlichen Krankenkassen. Ziel ist eine verbesserte Vergütung von Hausbesuchen.
Nach Angaben der KVN sind derzeit 466 Kassensitze für Hausärzte in Niedersachsen nicht besetzt. Diese Zahl verdeutlicht den strukturellen Mangel. Bereits heute behandelt ein Hausarzt im Durchschnitt 1,6-mal mehr Patienten als früher. Die Arbeitsbelastung steigt weiter, vergleichbar mit anderen Engpässen im öffentlichen Bereich, mehr dazu hier.
Andreas Philippi und demografische Daten
Der Ärztemangel betrifft vor allem den ländlichen Raum. Gesundheitsminister Andreas Philippi bezeichnet die Lage als langfristiges Strukturproblem. Nach Angaben der KVN liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte bei 55 Jahren. Viele gehören zur Generation der Babyboomer.
Gleichzeitig verändert sich das Berufsbild. Viele junge Mediziner streben Teilzeitmodelle an. Der Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben prägt die Entscheidungen vieler Berufseinsteiger. Dadurch sinkt die verfügbare ärztliche Arbeitszeit zusätzlich.
Maßnahmen des Landes Niedersachsen
- Einführung einer Landarztquote
- Ausbau der Studienplätze für Humanmedizin
- Anreize für ärztliche Quereinsteiger
- Programme zur regionalen Nachwuchsförderung
Nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums reichen diese Maßnahmen jedoch nicht aus, um den bestehenden Bedarf vollständig zu decken. Der Rückgang bei Hausbesuchen bleibt davon unberührt.
Telemedizin unter 116 117
Die Überlastung zeigt sich auch im ärztlichen Bereitschaftsdienst. Abends und an Wochenenden finden sich immer seltener Ärzte für diese Einsätze. Die Kassenärztliche Vereinigung reagierte mit einem neuen Angebot. Seit dem vergangenen Jahr wird Telemedizin eingesetzt.
Unter der Rufnummer 116 117 sollen Anrufer innerhalb von 30 Minuten ärztlichen Kontakt erhalten. Möglich sind Telefonate oder Videoanrufe. Nach Angaben von Detlef Haffke konnten seit Beginn der Testphase rund 80 Prozent der Anliegen bereits beim ersten Kontakt geklärt werden.
Hanno Kummer und Krankenkassen
Auch die Krankenkassen sehen in der Telemedizin eine Entlastung. Hanno Kummer vom Verband der Ersatzkassen betont jedoch die Bedeutung klassischer Hausbesuche. Für immobile und schwer kranke Patienten seien sie weiterhin notwendig. Sie gehörten zum regulären Praxisalltag.
Kummer spricht sich für eine gezielte Steuerung der Patientenströme aus. Dazu zählen telefonische Betreuung und der verstärkte Einsatz von Praxisassistentinnen. Gesundheitsminister Philippi bringt zusätzlich ins Spiel, Verordnungen für chronisch Kranke künftig einmal jährlich ausstellen zu lassen. Dies könnte Arztpraxen und Patienten organisatorisch entlasten.
FAQ
Warum nehmen ärztliche Hausbesuche in Niedersachsen ab?
Die Zahl der Hausbesuche ist innerhalb von zehn Jahren um mehr als 20 Prozent gesunken, vor allem wegen unzureichender Vergütung und steigender Arbeitsbelastung der Hausärzte.
Wie viele Hausbesuche wurden zuletzt durchgeführt?
Im Jahr 2015 lag die Zahl bei rund 3,4 Millionen Hausbesuchen, im Jahr 2025 sank sie auf etwa 2,7 Millionen.
Wie hoch ist die Vergütung für einen Hausbesuch?
Ein Hausbesuch wird aktuell mit rund 27 Euro vergütet, hinzu kommt eine Fahrtkostenpauschale von maximal 10,25 Euro.
Welche Rolle spielt der Ärztemangel?
In Niedersachsen sind derzeit 466 Kassensitze für Hausärzte unbesetzt, wodurch einzelne Ärzte im Durchschnitt 1,6-mal mehr Patienten behandeln als früher.
Welche Altersstruktur haben die Hausärzte?
Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt bei 55 Jahren, viele gehören zur Generation der Babyboomer.
Welche Maßnahmen ergreift das Land Niedersachsen?
Zu den Maßnahmen zählen die Landarztquote, mehr Studienplätze, Anreize für Quereinsteiger und Programme zur regionalen Nachwuchsförderung.
Kann Telemedizin Hausbesuche ersetzen?
Telemedizin dient vor allem zur Entlastung. Unter der Rufnummer 116 117 konnten rund 80 Prozent der Anliegen bereits beim ersten Kontakt geklärt werden.
Welche Patienten benötigen weiterhin Hausbesuche?
Hochbetagte, schwer kranke und immobile Patienten sind weiterhin auf klassische Hausbesuche angewiesen.
Quelle: NDR, MILEKCORP